Unvergessene Weihnacht
Ulrike Neradt und Hildegard Bachmann gemeinsam auf der TiP-Bühne
Vom 09.12.2008
TAUNUSSTEIN. Ovationen am Schluss, Dankadressen an Veranstalterin Angelika Kohl für Zwerchfell erschütternde
Kindheitserinnerungen an die Weihnachtszeit gab es, mundartlich vorgetragen von Ulrike Neradt und Hildegard Bachmann im TiP in Taunusstein.
Von Friedbert Wolter
Warum nie mehr Ente orange an Heiligabend, warum Stollen-Allergie, warum wider besseren Wissens an den
Weihnachtsmann glauben, warum "Peterchens Mondfahrt" und Negerpuppe Afra unvergessen bleiben? Die Besucher
von Matinee und Soiree bei "Verzeehlcher von Engelscher, Nickeloos un Chriskinnsche" dürften sich an vieles aus der
eigenen Kindheit erinnert haben, verborgen hinter Türen der Vergangenheit, doch unvergessen. Aufgeschlossen und
Licht gemacht haben die heimischen Künstlerinnen Ulrike Neradt und Hildegard Bachmann, haben mit Bernd Hans Gietz
und seinem verswingten "O Tannenbaum" den musikalischen Staubsauger angesetzt. Heraus gekommen ist dabei die
Zeit, als ein amerikanischer Nikolaus Kinder in Drais beschenkte, die Weihnachtsgans für viele hungrige Münder reichen musste.
Also keine Beschränkung auf die familiäre Kuschelecke im Kerzenschein, sondern das Lebensgefühl einer Kindheit, die kleinen
Freuden großen Stellenwert zumaß, als erzählen, spielen und vorlesen noch hausgemacht war.
Ein Programm, bei dem man einfach die Zeit vergessen konnte. Vor sich Ulrike Neradt und Hildegard Bachmann am runden Tisch, von
Habitus und Mimik ein bisschen wie Mutter und Tochter, daneben auf einem Stuhl Teddys und Puppen. Weil Unterhaltung nicht allein auf
Nostalgie, sondern auch auf Witz und Humor baut, gab es entsprechende Einsprengsel, die das Publikum vor Vergnügen aufprusten ließen.
Bei dem, was Loriot der Beamtenweihnacht andichtet, verzichtet man besser auf das Aufschreiben, während die Abhandlungen übers feine wie deftige
Essen sich als literarische Nachspeise bestens eignen, frei nach der Devise, "der Mensch lebt nicht von Gans allein". Für immer dem Stollen entsagen
wird derjenige, der sich am verlorenen Brillantring der Hausfrau einen Zahn ausbeißt, was bei den Zuhörern die Qualität von Schadenfreude entwickelte.
Wobei hinzu kommt, dass die Vortragenden nicht nur vorlasen, sondern das Geschilderte mit Leben zu füllen verstanden. Feine Ironie
dazwischen, wenn der Ehemann beim beklagten Verlust des 10 000-Mark-Ringes vor sich hin murmelt, dass am Wert eine Null
zu viel dran hängt, er aber um des Weihnachtsfriedens Willen das nicht korrigieren möchte. Oder wenn das mit Geschenken
überhäufte Kind fragt: "die sind vom Christkind, von euch bekomme ich nichts?". Wenn hinter der Larve des Weihnachtsmannes
Onkel Manfred erkannt wird, es aber um der Geschenke Willen taktisch klüger ist, das für sich zu behalten.
Richtig wehmütig konnte es einem ums Herz bei der Puppe Afra werden, der im kindlichen Überschwang die Kulleraugen
eingedrückt wurden, aus der Puppenklinik eine fremde Puppe zurück kommt, Jahrzehnte später Autorin Neradt einer dunkelhäutigen
Frau begegnet, die der Puppe ähnlich sieht und deren Spitzname Afra ist. Nahezu tragisch, aber doch gut ausgegangen ist die
Geschichte von den Eintrittskarten zu "Peterchens Mondfahrt" im verschlossenen Küchenschrank. Satire pur folgt, wenn alles
herbeiströmt, um einen nadelnden Baum zu erleben, Erziehung anno 1950 zeigt sich in der Abfolge dauernder Ermahnungen.
Alles hat seine Zeit, auch Weihnachten.
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