Das jährliche Chaos am Tannenbaum

RheinZeitung vom 21.12.2006

Das jährliche Chaos am Tannenbaum

"Weihnachtliches hibbe und dribbe vom Rhei" präsentierten Hilde Bachmann und Ulrike Neradt

MAINZ. Eine kräftige Prise deutsch-betuliche Weihnachtssentimentalität gefällig? Aber gern - sofern sie so pfiffig und augenzinkernd serviert wird wie bei Ulrike Neradt und Hilde Bachmann. Was die beiden rheinhessischen Mundart-Ikonen am Dienstag im SWR-Foyer zwei Stunden über "Weihnachte hibbe un dribbe vom Rhei" erzählten, hat dem Publikum gefallen - und das ließ durch Schmunzeln, sinnig-verständnisvolles Nicken und Kichern deutlich erkennen: So manche der Geschichtchen und Gedichte hatte hohen Wiedererkennungswert.
"Singen wir doch erst mal alle ein Lied", schlug Ulrike Neradt zu Beginn der Veranstaltung vor, und 360 Zuschauer intonierten den Song vom Kalender, der "schon so dünn". Der Einstieg in den Reigen der Erzählungen in Poesie und Prosa ließ ahnen: Dieser Abend war nicht geplant als vorweihnachtliche Gefühlsduselei. Er begann mit dem lakonischen Gedicht von Hanns Dieter Hüsch über die Familie, die sich an Heiligabend - frisch gebadet, voll nervös und durchweg falsch beschenkt - mächtig auf die Nerven geht. "Oh ja..." seufzte der ältere Herr in der zweiten Reihe. Ulrike Neradt zog alle Register: "Erna, der Baum nadelt" - diese witzige Persiflage des unvergessenen Robert Gernhardt passt zu ihrem Talent, witzige Ironie in verschiedenen Dialekten zu interpretieren. Sie berlinerte, sächselte und gab selbst den bayerischen Idiom akzentfrei wieder. Urkomisch auch die ernsthaften Zweifel der sechsjährigen Ulrike an der Allgewalt des Klapperstorches, als Oma und Papa plötzlich behauptet, die kleine Schwester sei eine Bescherung des Christkinds.
Hilde Bachmann hatte den besinnlicheren Part übernommen. Einige der "Draaser Geschichtscher" hatten jedoch ebenfalls urkomische Akzente: Die pulloverbestrickte Weihnachtsgans, der Ehrgeiz des Ehemannes, Adventskränze im Format eines Wagenrades zu kreieren, oder das Heiligabend-Besäufnis mit einem amerikanischen Soldaten. "Männer sind an Weihnachte immer gräbisch wege de Gefühle". Da nickten die Damen rimgsum. Die beiden auf der romantisch-plüschig dekorierten Bühne pfiffen sich eins zur festlichen Melodie, lasen aus eigenen Büchern oder zitierten Kollegen - so das Gedicht von Rudi Henkel über den Tannenbaum, der mit Orden und Zugplaketten geschmückt war. Ein Abend, der die einzig rechte Weihnachtsstimmung aufkommen ließ: besinnliche Fröhlichkeit.
Trudy Magin
 zum Weihnachtsprogramm